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[#WritingFriday] Ottomotoren

Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah, wie wunderschön und bezaubernd seine Braut war. Elegant schritt sie an der Seite ihres Vaters den blumengesäumten Gang entlang und auf ihn zu. In ihrem Blick lag etwas Unergründliches – Erleichterung? Konnte es sein, dass sie zuvor genauso betrübt und hoffnungslos dreinsah, wie er selbst es noch am Morgen tat?

Sieben Monate zuvor: Lukas‘ Eltern wechselten einen Blick, bevor sie sich trauten, das Wort an ihn zu richten. „Vater, Mutter, bitte sagt es mir schon. Es ist schwer zu übersehen, dass etwas nicht stimmt“, sagte Lukas. Nach einem weiteren Zögern ergriff Lukas‘ Mutter Magaret das Wort. „Lukas, du weißt doch, dass die Industrie momentan einen großen Aufschwung genießt“, brachte sie hervor. „Mit der vermehrten Produktion von Automobilen werden unsere Kutschen nach und nach überflüssiger“, führte Wilhelm, Lukas‘ Vater, fort. Der Älteste von drei Söhnen begriff sofort. Der Familienbetrieb musste kurz vor dem Ruin stehen.

Sie war ganz in weiß gekleidet. Ihre Blöße war von geschmackvoll gewebter Spitze bedeckt, sodass nur die Haut im Gesicht, an den Händen und an dem vornehmen Hals zu sehen war. Sie hielt einen bescheidenen Blumenstrauß mit weißen Chrysanthemen in der Hand, von dem ein lindgrünes Seidenband hinunterhing. Am Altar angekommen, legte ihr Vater die Hand seiner Tochter in die ihres Bräutigams. Mit einem dankbaren Ausdruck und einem kurzen Nicken wandte er sich von Lukas ab und setzte sich auf den letzten leeren Platz in der ersten Reihe, direkt neben Wilhelm. Die Orgelmusik verklang und die Zeremonie konnte beginnen.

„Können wir nicht auch in die Automobilindustrie einsteigen?“, fragte Lukas hoffnungsvoll. Wilhelm winkte ab: „Ach, wie stellst du dir das vor? Weder wir noch unsere Mitarbeiter haben Ahnung von diesen … diesen Ottomotoren!“ „Es ist zu spät für solche Überlegungen“, bemerkte Margaret abwesend, ihren Blick ins Leere gerichtet. Im Verlauf des Gesprächs debattierte die Familie über mögliche Vorgehensweisen. Kredite, riskante Investitionen, der Zusammenschluss mit anderen Kutschenbauern. Nichts konnte auch nur einen der Drei überzeugen, nichts war sicher genug. Lukas‘ kleine Brüder konnten auch keine Hilfe beisteuern. Sie waren noch zu jung, um die Situation zu begreifen.

„Olivia“, wisperte seine Braut und schaute ihn mit großen Augen an. Lukas‘ Mundwinkel bogen sich leicht nach oben. „Ich weiß. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.“ „Bitte, nenn mich einfach Olivia. Wir werden uns doch sicher anfreunden, nicht wahr?“ War es wirklich Erleichterung, die er sah, oder doch Furcht? Ohne Zweifel spiegelte sich auch eine Spur Unsicherheit in ihren Zügen wider. „Das hoffe ich sehr, Olivia“, entgegnete Lukas und schaute wieder nach vorn zum Priester.

Plötzlich fiel es Wilhelm wie Schuppen von den Augen. Wenn der Betrieb ihm und seiner Familie nicht mehr das Überleben sichern konnte, müsse eben eine andere Möglichkeit her, um an Geld zu kommen. Da erinnerte er sich an einen Brief, den er gestern Abend mit der letzten Postkutsche – welch eine Ironie – erhielt. Sein Kamerad Heinrich, den er aus Kindertagen kannte, eröffnete ihm, dass seine einzige Tochter sich zu weigern schien, die Linie der Familie weiterzuführen. Tagein tagaus verbrachte sie ihre Zeit mit den Jünglingen aus dem Dorf in den Wäldern, hatte nur Unfug im Kopf und verwendete keine Energie darauf, eine gute Partie zu machen. Mit ihren 23 Jahren war sie noch stets ein Kind, ohne dem Bedürfnis nachzugehen, zu einer jungen Frau heranzuwachsen.

„Sieht sie nicht hinreißend aus?“ fragte der stolze Heinrich unter Tränen, „so fraulich habe ich sie nie zuvor erblickt.“ Wilhelm stimmte ihm zu und bedankte sich erneut für diesen Bund, von dem beide Familien auf ihre Weise profitierten. Die einzige Bedingung, die Lukas und Olivia gleichzeitig gestellt hatten, obwohl – oder gerade weil – sie sich nie zuvor begegnet waren, war die Freiheit, noch vor dem Altar die Meinung ändern zu dürfen. Sollten sie sich mit einer Eheschließung mit dem Gegenüber nicht wohlfühlen, so waren sie frei, die Kirche ohne einen Ring am Finger zu verlassen. So verfolgten die Eltern des Brautpaars zugleich hoffnugnsvoll und angespannt die Zeremonie und bangten um ein gutes Ende für diesen lang ersehnten Tag.

Sogleich kontaktierte Wilhelm seinen alten Freund und machte ihm das Angebot, von dem auch er schwer begeistert sein sollte. Selbstverständlich würde Heinrich Wilhelm finanziell unter die Arme greifen. Ist seine Tochter endlich unter der Haube, konnte ihn nichts mehr erschüttern. Lukas hingegen tat sich schwer, sich mit der Idee abzufinden. Mit dem Entgegenkommen, dass er die Ehe auch kurzfristig ablehnen konnte und mit dem Wissen, es für das Wohlergehen und den Erhalt seiner Familie zu tun, willigte er jedoch ein.

Das Brautpaar gab sich schließlich das Jawort und rang sich auf dem Weg aus der Kirche endlich ein ernst gemeintes Lächeln ab. Schönheit und Anmut sind zwar kein Garant für eine glückliche Ehe, dachte Lukas, aber er wollte diesem neuen Leben eine echte Chance geben.


Der #WritingFriday ist ein tolles Format, welches von der lieben Elizzy ins Leben gerufen wurde. Ihren Blog findet ihr hier. Dabei gibt es jeden Monat neue Schreibaufgaben, zu denen man freitags seinen Beitrag veröffentlichen kann. Die Aufgabe, zu der dieser Text entstanden ist, lautete „Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz; „Damit hatte Lukas nicht gerechnet, als er sah wie…“ beginnt.“ Genauere Informationen zum Ablauf und zu den Schreibaufgaben im April könnt ihr hier finden. Vielen Dank, liebe Elizzy, für dieses tolle Format!

Denise

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