Kurzgeschichten Schreiben

[Kurzgeschichte] Das Licht

Ich stehe am Fenster.

Stehen nicht nur alte Leute am Fenster?

Ich stehe trotzdem am Fenster. Dabei bin ich jung, nicht einmal dreißig. Die Jalousie ist geschlossen, sodass nur ein wenig Licht von außen hereinkommt. Die Sonne lockt jeden aus dem Haus und mich sperrt sie ein.

Du bist krank.

Was ist, wenn mich jemand sieht? Aus dem munteren Treiben auf der Straße wird sicher niemand in den vierten Stock hochsehen. Außerdem, sollen sie mich doch sehen. Mehr als einen schemenhaften Umriss wird man kaum erkennen können.

Das lässt sich aus einem Versteck heraus leicht sagen.

Mein Handy vibriert. Ich weiß schon genau, was ich dort finden werde. Die Fotos sind das Schlimmste. Lächelnde Menschen im beißenden Licht der Sonne, halbnackt und mit Sonnenbrille. Die Nachricht dazu: „Und du so?“. Ja, und ich so? Ich bleibe weiter in der sicheren Dunkelheit meiner Wohnung.

Dich will eh niemand sehen.

Und wenn ich mich ihnen anschließe? Kann ich nicht meine Sonnenbrille aufsetzen, meine Jogginghose ausziehen und lächeln? Vielleicht kommt im Winter meine Zeit, wenn die Straßen nicht so belebt sind.

Worüber soll ich mit den halbnackten Sonnenbrillenträgern, von denen ich so gerne einer wäre, überhaupt reden? Ohne ein witziges, interessantes Gesprächsthema brauche ich doch sowieso nirgendwo aufzutauchen, oder?

Du bist uninteressant.

Außerdem scheinen die Menschen plötzlich nur noch aus riesigen Cliquen zu bestehen, von denen ich sicher kein Teil bin. Die Nervosität nach der Nachricht, ob ich auch komme, will sich einfach nicht legen. Obwohl ich abgesagt habe.

Gut so.

Es ist wirklich besser, wenn ich zu Hause bleibe anstatt mich ihnen anzuschließen und die allgemeine Stimmung zu vermiesen.

Meine Beine werden langsam zittrig. Schnell gehe ich ins Bett, lasse mich in meine viel zu warmen Decken fallen und trockne meine Tränen.

Du bist ein hoffnungsloser Fall.

Ich habe einfach vergessen, wie man unbeschwert ist, draußen ist, ohne sich seiner selbst zu schämen. Und die Stimmen sind lauter als mein Wille.

Mein Handy vibriert wieder, diesmal unbarmherziger. Seit es WhatsApp gibt, überfordern mich Anrufe immer mehr. Was soll ich denn überhaupt sagen? Wenn die anrufende Person keine konkrete Frage hat, bin ich aufgeschmissen. Ich harre aus bis der bedrohliche Schrei meines Handys verstummt. Dann folgt ein kurzes Vibrieren und ich bewege mich dazu, einmal nachzusehen. Ein Freund hat angerufen und mir jetzt eine Sprachnachricht hinterlassen. Sprachnachrichten sind einfach. Ich höre sie mir an und habe genug Zeit darüber nachzudenken, was ich Cooles und Schlagfertiges antworten kann.

Wenn du darüber nachdenken musst, hat es nichts mehr mit Schlagfertigkeit zu tun.

„Hey, wie geht’s dir? Ich weiß, dass Sommertage dir zu schaffen machen, also dachte ich mir, komm‘ ich einfach vorbei und biete dir einen Indoor-Sommertag zu zweit an.“ Kurze Stille, aber die Sprachnachricht läuft immer noch. „Bitte mach‘ die Tür auf, ich hab‘ echt ein verdammt schweres Exemplar einer Wassermelone für uns.“ Ich kann sein Lächeln förmlich hören.

Mach‘ schon auf.

Die neue Stimme ist schüchtern, ruhig, aber dennoch hörbar. Einen Moment zögere ich. Doch ich stehe auf – langsam, zitternd –, gehe zur Tür und lasse das Licht herein.

 

You Might Also Like


Comment

  1. elizzy91

    Habe deinen Blog gefunden 😀 und dich gleich auf die Teilnehmerliste vom Writing Friday gesetzt!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.